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	<title>Klarspüler &#187; psychische Belastung</title>
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		<title>Das Märchen vom selbstverschuldeten Stress</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Aug 2014 04:17:36 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Businesstheater]]></category>
		<category><![CDATA[Büro]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Patalong]]></category>
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		<description><![CDATA[Aus einer Antwort des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag ging vor einigen Tagen hervor, dass 2012 die Zahl aller auf psychische Probleme und Verhaltensstörungen zurückgehenden Arbeitsunfähigkeitstage bei rund 61,5 Millionen lag. Ein Rückgang um 3 % im Vergleich zu 2011, ein Anstieg um 83% im Vergleich zu 2001. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Aus einer Antwort des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag ging vor einigen Tagen hervor, dass 2012 die Zahl aller auf psychische Probleme und Verhaltensstörungen zurückgehenden Arbeitsunfähigkeitstage bei rund 61,5 Millionen lag. <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fehlzeiten-wegen-psychischer-belastungen-steigen-stark-a-985340.html">Ein Rückgang um 3 % im Vergleich zu 2011, ein Anstieg um 83% im Vergleich zu 2001</a>. Na und? &#8211; werden Sie achselzuckend sagen und liegen mit dieser Problembeurteilung voll im Trend. Noch lange kein Grund die Pferde scheu zu machen, wie es Jutta Krellmann von der Linksfraktion mit einer &#8220;Anti-Stress-Verordnung&#8221; fordert. Denn leider dominiert in der Diskussion um Arbeitsstress immer noch das Erklärungsmodell der Ignoranten. Und das heißt: selber schuld! <span id="more-1473"></span></p>
<p>Ein Musterbeispiel für die Logik dieses Erklärungsmodells liefert ein <a href="http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/stress-im-job-die-probleme-sind-hausgemacht-a-985400.html">Kommentar von Frank Patalong</a>. Am Anfang steht die lapidar-provokante Chef-Killerphrase, in der &#8211; nach alter sei-mal-ehrlich-Buddy-Manier &#8211; gefragt wird, wann denn der Chef das letzte Mal brüllend und Peitsche schwingend einen zur Schnecke gemacht hätte? Ehrlich geantwortet, Herr Patalong: seit der Abschaffung der Leibeigenschaft eher selten. Aber, es gibt nichts, womit ich nicht rechne.</p>
<p>Nach dieser ausbremsend-herunterspielenden Verbalgrätsche, wird dann direkt im eingestehend-erklärerischen Reflektierton der wahre Grund für Stress und psychische Belastungen am Arbeitsplatz aus dem Hut gezaubert: man selbst. Macht Sinn! Schließlich ist man ja Schmied seines Glücks. Und wenn&#8217;s der Schmied eben nicht so gut kann, wird&#8217;s stressig.</p>
<p>Natürlich ist die Erklärung mit dem Schmied noch nicht ganz deutsch-tauglich. Denn für den deutschen Arbeitnehmer muss das Ganze noch mit etwas mehr Ethik- und Tugend-Hokus-Pokus angereichert werden. Was dann prompt folgt: so sind wir genau genommen selber schuld wegen der deutschen Arbeitsethik, die uns nötigt über die eigenen Grenzen zu gehen. Weil eben Fleiß und Leistungsbereitschaft zu unserem Wertekanon gehören und wir den genetischen Code von Arbeitsbienen in uns tragen, die Unabkömmlichkeit am Arbeitsplatz als Erfüllung verstehen. Ach so! Und ich war davon ausgegangen, dass man irgendetwas ändern könnte. Aber wenn es in unserer Natur liegt, da kann man wohl nichts machen.</p>
<p>Aber weshalb denke ich denn überhaupt kritisch über diese Thematik nach? Wenn es mir doch in die Wiege gelegt wurde und ich eigentlich gar nicht anders kann. Vielleicht weil man soziale und psychische Phänomene gar nicht naturwissenschaftlich-deterministisch für alle Menschen vorerklären kann, Herr Patalong?</p>
<p>Einen Ausweg aus dem Dilemma bleibt der Artikel natürlich nicht schuldig und erreicht gleichsam den Gipfel der esoterischen Wagheit: sich mal öfter fragen, was wichtig für einen ist? Aha! Mal was ganz neues. Und was mache ich dann mit der Antwort? Oder ist die vielleicht gar nicht wichtig? Hauptsache man denkt ab und an mal darüber nach.</p>
<p>Offen gesprochen, habe ich keine Lust mehr auf diese Art von Diskussionsverzerrung. Wenn man über das Thema Arbeitsstress eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen möchte, dann sollte dies mit dem Eingeständnis beginnen, dass wir oder die Gesellschaft oder die Arbeitswelt ein Problem haben. Nicht ich oder du oder der einzelne. Da mag dann auch ein Frank Patalong teilweise Recht haben, dass einzelne sich dabei selbst verausgaben, weil sie wie Arbeitsbienen agieren. Nur, diese empfinden den Arbeitsstress nicht als schlimm. Wer sich verausgabt und Stress aussetzt, weil er das so will, der fühlt sich erst einmal gut. Wichtig. Gebraucht. Unabkömmlich. Es geht aber um die anderen.</p>
<p>Um diejenigen, die im Büro nicht mehr mitkommen. Die abends nach Hause kommen und keine Lust mehr haben, noch irgendetwas zu unternehmen. Die antriebslos auf der Couch einschlafen. Sich immer müde fühlen. Deren Gedanken stets um die Arbeit kreisen, weil sie nicht abschalten können. Die ihren Frust mit nach Hause nehmen und an ihren Familien auslassen. Die sich vielleicht sogar am Wochenende zu Hause verkriechen. Denen die Arbeit das Privatleben schlicht vermiest.</p>
<p>Wenn wir uns auf diese Diskussion einlassen, dann werden irgendwann auch die richtigen Fragen gestellt und beantwortet: warum alle drei Jahre eine Umstrukturierung durch die Unternehmen fegt, obwohl die Berater selbst sagen, dass es fünf Jahre braucht, damit sich eine neue Struktur eingelebt hat? Weshalb neue Programme mit <a href="http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/karriere-glosse-nach-diktat-verreist-power-saetze-von-managern-a-984071.html">Power-Motto</a> eingeführt werden, Entscheidungsträger diese wie wildgewordene Hühner propagieren und sich später doch nichts ändert? Warum Regelungen (auch gerne Policies genannt) niedergeschrieben und verbreitet werden, während man nur damit beschäftigt ist, für jeden einen Sonderfall zu kreieren? Warum Fachexperten komplizierte Sachverhalte analysieren, strukturieren und bewerten müssen, die dann von hierarchisch höhergestellten Personen vereinfacht, ihres Wirkungszusammenhanges beraubt dargestellt werden und sich am Ende alle wundern, weshalb etwas ganz anderes rausgekommen ist, als es Charts und Vier-Felder-Tabelle prognostiziert haben. Warum es selbstverständlich ist, seinen Web-Access abends zu Hause zu nutzen, um Emails zu versenden, die am nächsten Morgen schon eine Bearbeitung innerhalb weniger Minuten fordern?</p>
<p>Wenn wir irgendwann einmal dazu übergehen, diese Fragen anzusprechen und dafür eine Antwort zu finden, kommen wir dahinter, was der Grund für eine erhöhte psychische Belastung am Arbeitsplatz ist. Man selbst ist nicht immer der Grund. Aber stets der Betroffene.</p>
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