Leipzig dream

Letzte Woche ging die Leipziger Buchmesse zu Ende. Mal wieder. Und mal wieder war ich nicht dabei. Obwohl ich letzten Sommer auf einer Hochzeit jemand kennengelernt hatte, der aus Leipzig kommt und mir im Überschwank einer Spontanverbrüderung unter Einfluss mehrerer Gläser Wein anbot, jederzeit bei ihm übernachten zu können. Entfernung zur Messe: 20 Minuten. Zu Fuß. Super! Nie mehr Probleme, ein Zimmer für die Messezeit zu finden.

Leipzig gilt ja allgemein als Messe für Leser. Während Frankfurt als Messe der Verlage und Agenten und Mainz als die der Buchgestalter bezeichnet werden. Und die Lit.Cologne das Festival derjenigen ist, zu denen man sowieso nicht gehört. Wo also, wenn nicht in Leipzig?

Jetzt muss ich gestehen: ich bin kein Leser. Sondern Schreiber. Und wenn ich nach Leipzig fahren werde, dann mit einem Buch von mir in der Tasche, eins von diesen abgegriffenen Exemplaren, vollgespickt mit Klebezetteln, die Stellen markieren, welche ich auf Lesungen vortragen werde. Wenn ich nach Leipzig fahren werde, dann mit der Bahn, die vorbeiziehende Landschaft betrachtend, sinnierend darüber, was ich den Lesern, die mich am Stand besuchen, erzählen soll. Wenn ich nach Leipzig fahren werde, dann ein schickes dunkles Hemd tragend, passende Jeans, frisch geschnittenes Haar und diese Kraft im Blick, die zeigt, dass ich mit meiner Geschichte etwas zu sagen habe.

Aufhören Halotta! Aufhören! Das ist ja unerträglich, höre ich eine Stimme rufen, die definitiv nicht Wilfried Schmickler gehört, sondern der meines Chefs im Brotberuf ähnelt. Stellen Sie endlich das Träumen ein! Die Szene ist doch geklaut: der Typ im dunklen Hemd ist David Wagner, der 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Und Sie ersetzen einfach nur ihn durch sich und wünschen er zu sein, weil Sie im Moment nicht der sind, der Sie gehofft haben zu werden!

Träumen? Hat da gerade jemand von Träumen gesprochen? Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem Traum, den man in diesem Zusammenhang als unrealistisches Hirngespinst abtut, und einer Vision, mit der man ein großartiges und anspruchsvolles Ziel verbindet? Vermutlich in der Vehemenz, mit der man sich bei dem einen vor der Umsetzung drückt, während man beim anderen alles daran setzt, es zu erreichen. Man könnte es auch als den Biss bezeichnen, ohne direkt an Vampire zu denken.

In einem Interview mit dem Buchreport beklagt Andreas Eschbach, dass es vielen angehenden Schriftstellern an Selbigem mangele. Dass sie die Messlatte für ihr Tun nicht hoch genug und sich keine großen Ziele setzen würden. Warum eigentlich? Weil die Kenntnis der ernüchternden Realität zeigt, dass man mehr Ahnung von dem Geschäft oder den Mechanismen hat? Das mag vielleicht stimmen, nur leider ist das keine Zwangsläufigkeit.

Ich vergleiche das gerne mit Leuten, die einem nicht schnell genug vom Ernst des Lebens predigen, dem man sich angeblich stellen soll, und hinterher erkennen, dass es besser gewesen wäre, nicht alles so ernst zu nehmen. Aber wehe einer hätte diese Erkenntnis schon vorher gehabt!

Deshalb sage ich: er träumt doch! Weil hinter jeder großen Leistung eine große Idee, ein intensives Gefühl oder eine prächtige Vorstellung stehen, die das erste ermöglichen. Träumen heißt aber nicht ausruhen, es ist eher das Schmiermittel, damit die Maschine in Gang bleibt.

Ob es dann tatsächlich so kommt, wie man es sich erträumt hat, kann niemand sagen. Vermutlich werde ich gar nicht mit der Bahn nach Leipzig fahren. Ich werde mir bestimmt auch keine Gedanken darüber machen, was ich möglichen Lesern am Stand sagen soll, weil ich viel zu aufgeregt und schon froh darüber sein werde, nicht zu vergessen wie ich heiße. Und ein schwarzes Hemd besitze ich nicht einmal. Aber das Buch, das werde ich in meiner Hand halten.