Mehr Klopp wagen!

Nach dem Champions League Viertelfinale letzte Woche zwischen Dortmund und Madrid hat die deutsche Medienlandschaft ein neues Hirngespinst erfunden: den dünnhäutigen Trainer, der schlecht verlieren kann und seine Wut an armen, milchgesichtigen Nachwuchsreportern auslässt. Das ist natürlich völliger Unsinn! Auch braucht Jürgen Klopp keine Anti-Aggressionstherapie, um zukünftig auf Sportreporter losgelassen zu werden, nein, eher braucht die Bundesliga mehr von solchen Klopps, damit die Berichterstattung über Fußball nicht vollends im pseudoemotionalen Worthülsentreibsand untergeht.

Bevor man voreilig Jürgen Klopp einen Aggro-Stempel aufdrückt und ihn als ungezügelten Wiederholungstäter darstellt wie es die Mehrheit der Presselandschaft tut, sollte man sich das regulatorische Korsett zu Gemüte führen, in dem das Fußballgeschäft der Champions League medienmäßig abgefrühstückt wird. Zu den wenigen, die das getan haben, gehören Peter Ahrens und Maximilian Rau in diesem Artikel.

Hier wird schnell deutlich: das Frage-Antwort-Spiel vor, kurz vor, während, unmittelbar nach und später nach dem Spiel ist kein Ponyhof, sondern eine durchorganisierte Verpflichtung, bei der Trainer und Spieler den medialen Verwertern und Rechteinnehabern Rede und Antwort stehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Sonst gibt’s Ärger mit Michel Platini. Diese Feststellung ist kein Wehklagen, auch keine Erklärung und schon gar keine Entschuldigung. Fußball ist ein Geschäft, an dem viele Seiten mitverdienen wollen und deshalb haben die Sender, die für die Übertragungsrechte im Vorfeld eine Menge Geld hingeblättert haben, auch das Recht als erste die Stimmen von Trainern und Spielern einzufangen.

Allerdings durchbrechen diese – fachmännisch Flashinterviews genannten – “Kurzunterhaltungen” dabei die klassischen Regeln eines echten Interviews. Denn hier geht es weder um Informationen noch um Sachverhalte, schon gar nicht um Analysen (auch wenn die Sender diesen Part der Übertragung gerne so bezeichnen), sondern wie Ahrens und Rau betonen, darum “vermeintliche oder tatsächliche Konflikte breit darzustellen oder emotionale Porträts von Spielern zu präsentieren, gerne mit dramatischer Musik unterlegt.” Stimmungen, Spontanmeinungen, Gefühle, Reiz-Reaktionen zählen. Keine Inhalte.

Und dabei kann man sich ganz schön verzetteln, wenn man dem Gesprächspartner unüberlegte Emotionsworthülsen zuschiebt und glaubt, von diesem einfach nur die passenden Emotionsworthülsen zurückgeschoben zu bekommen, damit alles nach einer kuscheligen Unterhaltung aussieht. Denn plötzlich schaut ein Trainer oder Spieler nicht mehr an der Worthülse vorbei und spult eine inhaltsleere, pseudoemotionale Antwort ab, sondern hört mal genauer hin, was da gefaselt wurde und reagiert entsprechend. Und genau dies ist Jochen Breyer passiert.

Zudem hat Breyer dabei eine äußerst ungeschickte Form gewählt, ohne sich zu überlegen, was seine Worthülse in dieser Situation bedeutet. Er hätte die Chance gehabt, die Situation geschickt zu umschiffen und eine Gefühlsfrage zu stellen wie: “Herr Klopp, wie schafft man es nach so einem Spiel seine Spieler wieder emotional aufzurichten?” Aber nein, er musste es mit einer Provokation versuchen, die genau in diesem Moment ihren Phrasencharakter verlor und von Klopp inhaltlich aufgegriffen und zerrissen wurde. So geschickt wie Breyer gefragt hat, hätte auch ein Notarzt, der zu einem Patienten mit Herzinfarkt gerufen wird, fragen können: “Na? Mal wieder zu viele Pornos geschaut?” Aber zum Glück hat Breyer inzwischen selbst eingestanden, dass er mit diesem Kurzinterview keine Sportjournalismusgeschichte geschrieben hat.

Um auch noch mit einer Floskel zu enden: vielleicht hat dies ja etwas von einem “reinigenden Gewitter”, der berühmte Warnschuss vor den Bug zur richtigen Zeit, im Fußball besser bekannt als die miesen Spiele gegen kleine Gegner kurz vor wichtigen Turnieren. Ob sich dadurch tatsächlich manch ein Sportjournalist darauf besinnen wird zwar weiterhin inhaltsloses Zeug zu fragen, aber dennoch auf die Formulierung zu achten, bleibt abzuwarten. Vielleicht nicht sofort, aber wenn es noch ein paar mehr von diesen Klopps gäbe, die ab und an mal das gegenseitige  Worthülsenhochhalten durchbrechen, dann könnte sich irgendwann etwas verändern. Hoffen wir mal. Nach dem Interview ist ja bekanntlich vor dem Interview.