Generation [hier Schlagwort einsetzen]

Was macht eigentlich ein Journalist, der gerade um die 30 ist und das Gefühl hat, dass es in seinem Leben irgendwie nicht so läuft, wie er sich das als Kind immer vorgestellt hat? Seinen Job wechseln? Mit der alten Beziehung Schluss machen? Erst mal ein halbes Jahr durch die Weltgeschichte reisen? Oder sich einfach in der nächsten Bar voll laufen lassen? Alles akzeptable Lösungen. Blöd wird es nur, wenn er sich für die fünfte Variante entscheidet: ein Buch über seine Generation zu schreiben.

Das mit den Generationenbüchern ist ja mittlerweile wie mit eigenen Webseiten und Blogs. Dank einer Baukastentechnik, kann sich das jeder zusammenzimmern. Man muss nur hinter den Begriff Generation das Schlagwort setzen, das gerade irgendwie die eigene Stimmungslage beschreibt und von dem man annimmt alle anderen fühlten auch so. Deshalb hat Oliver Jeges jetzt das nächste Generationenbuch über die “Generation Maybe” herausgebracht. Nach Florian Illies’ “Generation Golf” (2000) – der Mutter aller Generationenbücher -, “Generation Ally” (2002), “Generation Umhängetasche” (2008), “Generation Wickeltasche” (2010), “Generation Geil” (2010), “Generation Porno” (2010) und “Generation Laminat” (2012) – um mal nur einige zu nennen – dürfte man verwundert feststellen: offenbar dauert eine Generation im Durchschnitt nur noch zwei Jahre.

Was zeichnet nun diese Generation Maybe aus? Oliver Jeges’ These: Menschen um die 30 können sich nicht entscheiden. Sie wollen alles, trauen sich aber nichts zu. Also, mit dieser Behauptung ist ja noch nie einer um die Ecke gekommen. Respekt! Natürlich wird das jetzt nicht so platt ausgedrückt, sondern literarisch stilsicher (“Eigentlich geht es uns gut. Aber es ist dieses schwerelose Gefühl, das uns alle verbindet“) oder wissenschaftlich oberschlau (“totale Multioptionsgesellschaft“). Der herausgebende Verlag, Haffmans & Tolkemitt, bleibt hingegen ganz bescheiden und spricht schlicht vom “umfassend[sten] Generationsporträt der heute um die 30-Jährigen seit ‘Generation Golf” – und greift mit dieser Aussage voll ins Klo.

Denn die Gedankengänge von Oliver Jeges haben weder etwas Umfassendes, noch etwas mit irgendeiner Generation zu tun, gründen sie doch einzig – wie Oskar Piegsa in seinem Artikel zutreffend beschreibt – auf Gesprächen eines Berliner Szenekiez-Freundeskreises, der lediglich gewisse Medien- und Konsumerfahrungen teilt und diese gleich zu lebensprägenden Erfahrungen einer ganzen Generation hochstilisiert. Mit einer Generationenwirklichkeit hat dies ungefähr soviel zu tun wie der Alltag der britischen Königsfamilie mit dem seiner Untertanen.

Leider ist es ja so leicht, sich seine Gedanken über die Gesellschaft, die Menschen, ihre Lebensrealitäten zu machen und diese dann hinaus zu posaunen. An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an die Aussage eines Mädchens, dem ich kurz vor Aufnahme meines Studiums erzählte, dass ich Sozialwissenschaften studieren werde. Ihr Kommentar: “Das braucht man nicht zu studieren. Meine Freund und ich betreiben ständig Sozialwissenschaft, indem wir uns über die Menschen wundern”. Nee, is klar.

Das mit der Analyse sozialer Alltagsrealitäten sollte man doch lieber denen überlassen, die sich damit auskennen. Soziologen, Sozialwissenschaftler. Und was die vorübergehende Verwunderung orientierungsloser Journalisten angeht: vielleicht wäre mal eine Auszeit das richtige. Tauchschule auf Ko Samui. Oder Working Holiday in Australien. Wenn’s am Geld mangelt, wäre das doch was fürs Croudfunding. Aber bitte keine weiteren Generationenbücher. Ansonsten sehe ich mich gezwungen demnächst das Buch “Generation Generationenbücher” zu schreiben.